HVD Berlin hofft auf fortschrittliche und liberale Kräfte in der Katholischen Kirche
Die rückwärtsgewandten und modernitätsfeindlichen Werte der Katholischen Kirche bieten den strukturellen Nährboden für Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen. Nur wenn sich die liberalen Kräfte innerhalb der Katholischen Kirche durchsetzen, können diese Werte verändert werden.
Angesichts der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg sowie weiteren katholischen Gymnasien in St. Blasien und Bonn erklärt der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), Landesverband Berlin:
Bei den aktuell aufgedeckten und wahrscheinlich weiteren, noch unbekannten Missbrauchsfällen handelt es sich um menschlich tragische und tiefgreifende Vorfälle, die nicht wieder gutzumachen sind. Die Gefahr von Missbrauch lauert überall dort, wo Erwachsene mit einer gestörten Sexualität bzw. einem gestörten Umgang mit ihrer Sexualität mit Kindern und anderen Schutzbefohlenen arbeiten.
Allerdings bieten die Werte und Normen der Katholischen Kirche einen angereicherten Nährboden für den Missbrauch von Schutzbefohlenen. Die unzeitgemäße Sexualmoral der Katholischen Kirche in Verbindung mit dem Zölibat, der innerkirchliche Gehorsam sowie das Kartell des Schweigens innerhalb der Priesterschaft und der Einrichtungen der Katholischen Kirche begünstigen Missbrauchsfälle eher, als dass sie diese verhindern. Die kircheninternen Sanktionsmechanismen führen zur Verheimlichung und Marginalisierung des Problems, statt Aufklärung und Aufarbeitung anzustreben. Die selbstreklamierte Eigenschaft als oberste moralische Instanz steht einer zeitnahen strafrechtlichen Verfolgung der Täter offensichtlich im Wege. Ein solches System der Scheinheiligkeit und Selbstjustiz findet sich durchaus auch in zahlreichen extremreligiösen und orthodoxen Gemeinschaften.
Die Katholische Kirche lehnt bis heute die Moderne in ihrer Komplexität ab. Die Bewahrung manch überkommener und rückwärtsgewandter Werte entspricht einem Angriff auf die Gegenwart. Der Zölibat als Grundsäule des Priestertums und Zwangsmittel zur Unterdrückung persönlicher Triebe ignoriert die sexuellen Bedürfnissen und Orientierungen innerhalb der Priesterschaft. Die Aufrechterhaltung des Kondomverbots missachtet eine Realität, in der Kondome einen wirksamen Schutz gegen Aids und andere Krankheiten bieten. Und auch beim Thema Schwangerschaftsabbruch hält die Katholische Kirche dogmatisch an ihrer grundsätzlichen Ablehnung fest, ohne jedoch die individuellen Lebenssituationen der betroffenen Menschen und ihr Selbstbestimmungsrecht zu respektieren.
Werte und Normen dieser Art verhindern ein selbstbestimmtes und emanzipiertes Leben und setzen an dessen Stelle ein System der moralischen Bevormundung. Das von den Kirchen oftmals in die Waagschale geworfene Argument, das Werteerziehung und Bildung ohne Gott nicht möglich seien, wendet sich längst gegen die Katholische Kirche selbst.
Fortschrittliche Stimmen innerhalb der Katholischen Kirche fordern schon lange eine Liberalisierung der Katholischen Kirche. Der HVD Berlin hofft angesichts der momentanen Diskussionen, dass in diesem Punkt die innerkirchliche Auseinandersetzung deutlich vorankommt und sich die kritisch-emanzipatorischen Kräfte innerhalb der Katholischen Kirche mit ihren Positionen durchsetzen. Die Katholische Kirche könnte sowohl nach innen als auch nach außen ein positives Zeichen setzen, indem sie diese Positionen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch tolerieren und stärken würde.
Der HVD hofft weiterhin, dass sich die Katholische Kirche dem Thema Missbrauch von Schutzbefohlenen intensiv widmet. Dies erfordert in erster Linie, mögliche Zusammenhänge zwischen Missbrauch und der selbst verordneten Sexualmoral unter Berücksichtigung von psychologischem Expertenwissen zunächst ernsthaft zu prüfen, bevor sie reflexartig abgewiesen werden. Darüber hinaus muss die Aufklärung und Aufarbeitung vergangener und zukünftiger Übergriffe schneller und transparenter gestaltet werden, um eine zeitnahe strafrechtliche Ahndung von Missbrauch zu ermöglichen.
