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Leseempfehlung: Humanismus für die Zukunft

Buchcover
21. Oktober 2009

Mit das höchste Lob, das ich aussprechen kann, besteht in der Formel „Banal, aber fundamental und damit essenziell". So auch im Fall des vorliegenden Buches von Frieder Otto Wolf: „Humanismus für das 21. Jahrhundert".

Dass dabei wesentlich genau so wenig mit wesenhaft verwechselt werden darf wie fundamental mit fundamentalistisch, erwähne ich auch deshalb, weil eine der entscheidenden Selbstkritiken des bekennenden, ja militanten Humanisten Frieder Otto Wolf in der Absage an jede Anthropologie besteht, die beansprucht, das menschliche Wesen ein für alle Mal feststellen zu können.

Wolf kritisiert nicht nur ältere, metaphysische Anthropologien, sondern auch neuere, inzwischen gleichfalls veraltete scientistische, die in aller Regel zugleich naturalistische sind, gerade deshalb aber bis heute in bestimmten „freidenkerischen" Kreisen ebenfalls Zuspruch finden.

Wolf geht so weit zu schreiben, dass angesichts der „‚wissenschaftlich' begründeten Eugenik-Phantasien mancher unserer Urgroßväter in Sachen Humanismus" eingeräumt werden muss, „dass auch in unserer eigenen Tradition das Böse seinen Platz gehabt hat". Das Böse, wie ich in Wolfs Sinn betone!

Dieser ist ein so entschiedener Moralist, dass ihm generell die Kategorie „Schlecht" für die nicht auszureichen scheint, „die einfach sagen: ‚Ich will mich nicht über mein Handeln mit anderen verständigen, ich tue einfach das, was mir einfällt und gut erscheint, wozu ich mich entschließe, unabhängig davon, was es für andere bedeutet und brauche mich dafür nicht zu rechtfertigen. Ein derartiges Subjekt verhält sich in einem spezifischen Sinne „böse", wie Wolf resümiert. Er ist überzeugt davon, „dass auf die Kategorie eines ‚bösen Subjekts' nicht zu verzichten ist, so lange es einem ernsthaft um ein gemeinsam zu findendes Gutes geht."

Auf die demokratische Interdiskursivität einer jeden Ethik humanistischen Anspruchs legt Wolf den höchsten Wert. Gerade was die aktuell-biopolitische Frage nach den Grenzen der technischen Veränderbarkeit menschlichen Erbguts angeht, plädiert er vehement für eine „Diskussion mit allen": über die Kompatibilität gentechnischer Forschungen und Maßnahmen mit der „Würde des Menschen". Wie anders denn, wenn man gleich Wolf die Absicht eines „praktischen Humanismus als politischer Ethik" in die Worte fasst: „produktiv und zielbewusst daran zu arbeiten, alle Verhältnisse zu überwinden, in denen die Menschenwürde nicht geachtet wird".

Der Rückbezug auf den „jungen Radikaldemokraten" Karl Marx ist so gewollt wie evident. Wolf hält sogar am Ziel einer Überwindung der Kapitalherrschaft fest, in der gegenwärtigen, dem Neoliberalismus geschuldeten Weltwirtschaftskrise mehr denn je, doch auf eben demokratische Art und Weise, sich damit in eine Tradition stellend, die weit hinter den jungen Marx zurückreicht, bis ins antike Athen.

Wolf vertritt insgesamt die Positionen einer in der griechisch-römischen Antike beginnenden religionsunabhängigen und insofern autonomen: einer menschlichen Vernunft, doch gerade deshalb plädiert er dafür - unter „Freidenkern" nicht unbedingt selbstverständlich -, „nicht die Abgrenzung, etwa von den Kirchen, in den Vordergrund zu rücken", sondern vielmehr das, was positiv in Gesamt-, ja Weltgesellschaft eingebracht werden kann und soll. Ja, Wolf setzt auf Dialog und Kooperation mit Bündnispartnern, die gleich welcher Konfession, für eine menschliche(re) Gesellschaft eintreten.
Wolf, der sich nicht nur aus pazifistischen Gründen nachdrücklich für das „polylogische Palaver der Menschheit als Grund der Menschenrechte" einsetzt, kann unmöglich akzeptieren, Argumente nur deshalb nicht ernsthaft zu prüfen, weil sie von jemand vorgebracht werden, der an einen Gott glaubt. Selbstverständlich ist nach wie vor deutliche Kritik angesagt gegenüber solchen, die mit religiösen Absolutheitsansprüchen auftreten, ob sie nun für viele ihrer Glaubensgenossen sprechen oder nicht. Doch unter diesen finden sich nicht wenige, die kompetent über Hunger und Elend sprechen, sich gegen Unterdrückung und für Befreiung engagieren.

Wolf hat inzwischen gelernt - niemand von uns, ob (noch) gläubig oder nicht (mehr), konnte das von Kindesbeinen an wissen, so verstellt war in allen Lagern ein authentischer Zugang zur Bibel -, dass z.B. „bei den sogenannten kleinen Propheten die Bezugnahme auf das einfache Volk und seinen mit einem unnennbaren Gott geschlossenen Bund zur Grundlage der Forderung nach Autonomie" geworden ist. Komplementär dazu ist Wolf außerordentlich klar, dass es nicht mehr angehen kann, „bereits in der Abwendung von Gott oder anderen abstrakten höheren Wesen einen Beitrag zu einer rational geforderten Humanisierung der Menschheitsgeschichte zu erblicken".

Wolf, der zu pointieren versteht, nennt „Nobelpreisträger, die im Namen der Wissenschaft ihr persönliches Bekenntnis anderen aufdrängen", nicht weniger „Pfaffen" als solche à la lettre. Kein Zweifel besteht gerade auch für ihn darin, „dass der Aufstieg der empirischen Wissenschaften im Kontext der Aufklärung die Grundlage für eine Emanzipation des Denkens von jeder Art von doktrinärer und dogmatischer Bevormundung durch Staatsmacht oder Kirchen gewesen ist", was aber keineswegs rechtfertige, „die institutionalisierten Wissenschaften nun ihrerseits mit der Autorität einer Kirche auszustatten".

Hieraus folgt, dass wir im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Laie und Experte, wie es sich in der Wissenschaft als Beruf darstellt, immer darauf achten müssen, „dass es nicht auf ein Verhältnis zwischen Laie und Priester regrediert, in dem es nur noch um unterschiedliche hierarchisch angeordnete und insofern im schlechten Sinne autoritäre Positionen geht". Auch was Humanist/-innen zu vertreten haben, können immer nur „Vorschläge an eine allgemeine Öffentlichkeit" sein, die aber „der Möglichkeit des Irrtums, sicherlich auch der Zeitgebundenheit" unterliegen.

Unbeschadet dessen missversteht sich Wolfsche Rationalität keinen Augenblick als schlechte Beliebigkeit in Art eines ebenso schlechten und inaktuell gewordenen Skeptizismus. Der „postmoderne" Zeitgeist mag von ihm noch so infiltriert geblieben sein, Wolf vertritt den für ihn zentralen Gedanken der Herausarbeitung einer nicht beliebigen Haltung, ja, der Produktion einer Wahrheit unserer Zeit. Freilich ist sofort auch „Produktion" zu betonen, handelt es sich wahrheitspolitisch bei der „Wahrheit unserer Zeit" doch um ein „unbeendbares Ringen um Wahrheit", das allerdings - Pointe der Pointe - resultatsorientiert, also ernsthaft ist: „diskursiv und erfahrungsoffen, aber doch klar und bestimmt" im einmal gefundenen Ergebnis. Praktischer Humanismus à la Wolf geht von den vielfältigen Erfahrungen des Leidens einzelner Menschen und Menschengruppen aus, greift sie insgesamt auf, um sie unter Beibehaltung ihrer Vielfalt dann „zusammenwirken" zu lassen.

Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit solcher Kommunikation und Kooperation wird einfach schon von der fundamentalen Krisenhaftigkeit unserer Zeit geboten. Heute ist die große Frage nicht mehr, wie dies zu Anfang des 20. Jahrhunderts Rosa Luxemburg formuliert hat, „Sozialismus oder Barbarei?", sondern die große Frage ist heute, ob die bereits eingetretene Barbarei weiterhin bestehen wird oder ob eine real mögliche Alternative dazu gefunden werden kann, „welche die Menschheit insgesamt zumindest auf dem Stand der erreichten zivilisatorischen Errungenschaften hält, oder sie sogar auf einem Weg der historischen Verwirklichung von gleicher Freiheit und Herrschaftsüberwindung weiter voranbringt". Und diese Frage ist eine „dringliche", wie Wolf betont.

Gleich Propheten sind auch Apokalyptiker im 20. Jahrhundert mehr denn je wieder aktuell geworden, doch dies festzuhalten - mehr als Wolf auch der biblischen Tradition verpflichtet, obgleich ebenfalls auf agnostische Weise - ist nicht mein Punkt. Ich habe ein einziges, freilich nicht unwichtiges Desiderat anzumelden: In der vorliegenden und nur zu empfehlenden Broschüre kommen Ästhetik und Kunst mehr als zu kurz. Hier sollte im Blick auf eine wünschenswerte Zweitauflage unbedingt „nachgebessert" werden; denn: Kein wie immer gearteter Humanismus ohne Ernstnehmen des Ästhetischen.

Autor: Richard Faber

Frieder Otto Wolf: Humanismus für das 21. Jahrhundert. Zur Theorie und Praxis des Humanistischen Verband Deutschlands. Humanistischer Verband Deutschlands, Landesverband Berlin 2009, 184 Seiten, 5,- €.
ISBN: 978-3-924041-30-4.
Zu bestellen unter info@hvd-berlin.de